Editorial

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Durchhalteparolen, verbale Beruhigungspillen und das Abwälzen der eigenen Verantwortung auf die Bürger durch restriktive Maßnahmen, weil eigene funktionierende Konzepte fehlen. Was die Politik seit über einem Jahr an Pandemiebewältigung nicht geregelt bekommt, muss die Bevölkerung ausbaden. Viele Menschen im Angestelltenverhältnis behalten dabei nicht zuletzt mithilfe des Kurzarbeitergelds zumindest finanziell den Kopf ganz gut über Wasser. Für die freischaffenden Künstler an den Opernhäusern stellt sich die Lage jedoch schlimmer dar als zuvor. Vollmundig versprochene Hilfsprogramme greifen nicht oder bewegen sich auf einem Niveau, das zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Das Verstummen des im vergangenen Jahr noch sehr viel stärker zu vernehmenden Künstlerprotests hat auch damit zu tun, dass sich längst Resignation breit gemacht hat, oder der Beruf inzwischen komplett aufgegeben wurde.

Dabei sind in den letzten Monaten etliche Studien entstanden, die allesamt zu dem Ergebnis kommen, dass unter Einhaltung bestimmter Hygienemaßnahmen für das Publikum so gut wie kein Infektionsrisiko von einem Opern-, Theater- oder Konzertbesuch ausgeht (und nur darum geht es, denn proben dürfen die Künstler auch in der aktuellen Situation, es fehlen für eine richtige Vorstellung nur die Zuschauer). Es könnte also gespielt werden! Das Problem: In der Politik interessiert das niemanden. Deshalb bleiben wider aller Plausibilität die Theater geschlossen, während andere Bereiche geöffnet sind. Der zu Beginn der Pandemie heftig kritisierte Widerspruch zwischen leeren Opernhäusern und vollbesetzten Flugzeugen ist auch heute noch ungelöst. Zu Recht fühlen sich angesichts mangelnder Nachvollziehbarkeit von Maßnahmen und der Willkür politischer Entscheidungen viele Künstler vom Staat betrogen. Schon am 18. März verkündete beispielsweise die Stadt München, dass man die am 3. März im Bund- Länder-Beschluss festgelegte Öffnung der Theater unter Sicherheitsmaßnahmen ab dem 22. März doch nicht genehmigen wird. Wofür, fragten sich daraufhin berechtigterweise nicht nur die Intendanten der Münchner Häuser, verabschiedet man dann solche Beschlüsse und Stufenpläne? In Berlin wiederum wurde Ende März ein vielbeachtetes Pilotprojekt zur Öffnung von Kultureinrichtungen gestartet, das jedoch von Anbeginn stark den Eindruck aktionistischer Augenwischerei machte. Besucher mussten bei Eintritt ihr tagesaktuelles negatives SARS-CoV-2-Antigen-Testergebnis vorweisen, ihr personalisiertes Ticket sowie den Personalausweis und zusätzlich während der Veranstaltung einen medizinischen Mund-Nasenschutz oder eine FFP2-Maske tragen. Im April sollen die Studien-Ergebnisse ausgewertet werden. Ob daraus auch für die Praxis etwas folgt, oder ob (davon ist wohl auszugehen) die eine Öffnung erlaubenden Ergebnisse einfach zu den anderen positiven Studienergebnissen gelegt und geflissentlich ignoriert werden, wird man sehen. In jedem Fall hilft die Studie und ihr langer Auswertungszeitraum der Politik beim vermeintlich begründbaren Verschieben von Öffnungsperspektiven auf einen späteren Zeitpunkt.

Wer in den vergangenen Monaten die Digitalangebote der Opernhäuser genutzt hat, wird wissen, dass die Qualität sehr unterschiedlich ist. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch inhaltlich. Opernhäuser sind vielleicht Traumfabriken für den Vor-Ort- Live-Genuss, nicht dagegen für den heimischen Monitor. Was man beim Streaming deshalb oft erlebt, sind mehr schlecht als recht abgefilmte Aufführungen. Die künstlerischen Potenziale, die sich an der Schnittstelle von Oper und Film ergeben, bleiben jedoch weitgehend ungenutzt. In unserem aktuellen Themenbeitrag gehen wir einigen Möglichkeiten nach und blicken in einem weiteren Artikel an die Opéra de Paris, wo man schon seit 2015 mit der 3e Scène beweist, dass Online-Angebote weit mehr sein können als nur ein Zusatzangebot. Außerdem sprechen wir mit Clément Cogitore, der eben über diese 3e Scène seinen Regie-Einstieg in die Oper nahm, um nur wenig später auf der Hauptbühne der Pariser Oper mit Rameaus Les Indes galantes einen triumphalen Erfolg zu feiern und für die Produktion mit dem OPER! AWARD 2020 ausgezeichnet wurde. Was Cogitore über die Sünden und Chancen des Streamings in der Oper zu berichten hat, lesen Sie in der vorliegenden Ausgabe ebenso wie über die aktuellen (Streaming-)Premieren, die neuesten CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen sowie die Interviews mit Christof Loy und Tobias Kratzer über verändertes Regieführen in Coronazeiten.

Herzlich
Ihr
Ulrich Ruhnke

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